Mittwoch, 27. April 2016

Gratuliert Ernesto zu seinem Mut.

Wir sitzen in einer Runde mit jungen Europäern und Kolumbianern. Ernesto ein Kolumbianer, der  geschäftlich viel in Südamerika unterwegs ist, erzählt von seiner Beobachtung
„in den letzen zwei Jahren stelle ich fest, dass immer mehr Europäer in Südamerika Urlaub machen, auch in Kolumbien-„ und jetzt kommt die unglaubliche Frage „-liegt es daran, dass man in Europa wegen den Terroristen nicht mehr sicher reisen kann?“
Meine Nachbarin Nadine, eine junge Französin und ich, sind so perplex, dass wir uns, anstatt unserem Kolumbischen Freund eine Antwort zu geben, nur entgeistert ansehen. Diese Frage eines Kolumbianers müssen wir erst verdauen. Nadine antwortet, weil sie sich irgendwie persönlich angesprochen fühlt.
„Ich wohne nicht in Paris und habe nur über das Fernsehen davon erfahren“.
„Und dann bist du nach Kolumbien in Urlaub gefahren“
hackt Ernesto nach.
„Nein, so ist das nicht“
antwortet Nadine und wir erklären ihm gemeinsam, dass man überall in Europa gefahrlos reisen kann. Ungläubig sieht er uns an.
„Aber die ganzen Bombenleger und Terroristen die mit den Flüchtlingen nach Europa kommen, davor habt ihr keine Angst. Ich würde mich nicht getrauen in Europa Urlaub zu machen“.
Armer Ernesto denke ich mir, du wirst von euren Medien genau so hinters Licht geführt wie wir. Wenn wir unseren Medien, und offiziellen Stellen glauben würden, wären wir nicht hier. Ich hoffe, dass wir ihn bei der anschließenden Diskussion davon überzeugen konnten, dass er ganz beruhigt in Europa Urlaub machen kann.
„Auch mit meiner Frau und meinen Kindern“ will er noch wissen.
„Ja, du kannst ganz beruhigt mit deiner ganze Familie in Europa Urlaub machen“ Erst als alle jungen Europäer, Schweden, Franzosen, Polen, Belgier, Holländer und Deutsche, die am Tisch sitzen diese Aussage bestätigen, scheint er es zu glauben.
Falls Euch Ernesto mit seiner Familie demnächst in Europa über den Weg läuft, dann gratuliert ihm zu seinem Mut.


Donnerstag, 21. April 2016

Eingesperrt und eine defekten Wasserpumpe


Rumps und das schwere Eisentor rastet ins Schloss. Wir hören wie zwei mal der Schlüssel im Schloss gedreht wird und uns wird schlagartig bewußt, dass wir eingesperrt sind. Wir sind alleine in der riesigen Halle. Ein kleiner Trost ist, dass ein Teil der Halle nach oben offen ist. Über uns brennt noch ein Licht, dass die Halle in ein diffuses Licht taucht. Ich schreite unser „Gefängnis“ ab. Es ist groß, aber es riecht nach Öl und Farbe und wir sind ein Teil davon. Wir haben einen sternenklaren Himmel, was auf eine kalte Nacht hindeutet. Aber immer noch besser als die Feuchtigkeit von letzter Nacht, wenn es wie aus Kübeln schüttet. Für meine schmerzende Schulter und meine Erkältung ist beides nicht gut.
Seit zwei Tagen sind wir in Bogota, Eigentlich gab es für uns nur einen Grund nach Bogota zu fahren. Unser Hiace sollte mal einen Kundendienst bekommen und in Bogota gibt es eine Werkstatt, die unter den Overlander einen sehr guten Ruf hat. So ein Kundendienst ist ja normalerweise kein großes Ding und normalerweise in einem Tag erledigt. Beim ersten Checkup haben sie aber festgestellt, dass Kühlflüssigkeit fehlt. Eine genauere Untersuchung ergab, dass die Wasserpumpe defekt war. Das Gehäuse hatte Haarrisse. Die Beschaffung einer Neuen war nicht ganz einfach und dauerte. Bei Toyota war nichts zu machen. Die europäischen Modelle haben andere Ersatzteilnummern. Jesus, der Werkstattchef lies sich dadurch aber nicht aus der Ruhe bringen.
„Macht Euch keine Sorgen, ich bekomme schon eine Neue. In der Zwischenzeit machen meine Leute den Kundendienst“
Da vorn schon alles abgeschraubt war, habe wir auch gleich den Zahnriemen, den Keilriemen, den Luft- und Kraftstofffilter wechseln lassen, die Teile hatten wir dabei. Neben den Ölen wurde auch noch die Bremsflüssigkeit und das Kühlmittel gewechselt. Und da unsere Reifen, obwohl noch ganz gut, nicht mehr ganz Südamerika durchhalten werden, haben wir uns entschlossen noch einen neuen Satz Reifen aufziehen zu lassen.  Am dritten Tag fiel das schwere Eisentor wieder ins Schloss aber wir saßen im Taxi Richtung Altstadt von Bogota. Die drei Tage in der Werkstatt waren interessant, aber nicht die angenehmsten Tage unserer Reise. Wir wollten unser Auto nicht offen in der Werkstatt stehen lassen und Jesus hat uns angeboten, dass wir im Auto in der Werkstatt übernachten können. Allerdings musste er Nachts die Werkstatt verriegeln, die so jede Nacht zu unserem Gefängnis wurde.



Helmut Tanner
Neu und Alt

Samstag, 16. April 2016

Danke

Liebe Freunde,
ich möchte mich auf diesem etwas ungewöhnlichem Weg für Eure Geburtstagswünsche bedanken. Viele von Euch haben an meinen Geburtstag gedacht und Eure Glückwünsche kamen über die unterschiedlichsten Kanäle, so das ich den Überblick verloren habe😅.
Trotzdem habe ich mich über jeden Glückwunsch gefreut. Und da ich annehme, dass jeder von Euch gelegentlich auf unserem Blog vorbei schaut, nochmal Danke für Eure Wünsche.  Ich bleibe gesund und ja wir passen auf uns auf und wir haben auch weiterhin Spaß auf unserer Reise.
Bis bald mal wieder. Euer Helmut
PS: Edda hat für mich ein schönes Geburtstagsfrühstück gezaubert.
Helmut Tanner

Mittwoch, 13. April 2016

Sonntag, 10. April 2016

Marqués de Puntalarga, Das höchste Weingut der Welt

Freundschaft auf den ersten Blick. Dr. Marcos Quijano und Edda
„Aus Lindau seid Ihr! Lindau - da war ich mal als junger Kerl bei der Nobelpreisträger Tagung, als ich beim Max-Planck-Institut meinen Doctor gemacht habe - die haben mich da eingeladen und ich bin natürlich hin gegangen. Eine schöne Stadt - Lindau - habe ich noch in sehr guter Erinnerung“
„Bist du Deutscher oder Schweizer“ 
frage ich ihn, weil er mit einem leichten Schweizer Akzent spricht. Er lacht und sagt 
„Nein, ich bin ein Kerl von hier“
Der Kerl ist Dr. Marcos Quijano, Dr. der Chemie und deutlich über 80.
„Aber deine Wurzeln, dein Vater, oder vielleicht deine Mutter“ er schüttelt den Kopf „warum sprichst du so gut Deutsch, “ frage ich weiter.
„Also das ist eine ganz interessante Geschichte. Gehen wir doch zu mir, bei einem Glas Wein läßt sich das besser erzählen.“ Er zeigt auf seinen Eingang, zögert dann aber kurz.
„Bei mir wird gerade sauber gemacht - wenn es euch nicht stört“ und läuft los in Richtung Haustüre.
Das Haus ist wie die anderen Gebäude des Weingutes ochsenblutrot gestrichen und so verputzt, als ob man den Eindruck hat es wäre aus Lehm gebaut. Innen ist es auf die gleiche Art verputzt aber in einem dunkleren Ocker gestrichen. Rechts ist die Küche, die gerade von eine hübschen Kolumbianerin sauber gemacht wird. Links steht auf einer Empore ein großer aufgeräumter Schreibtisch. Die vordere Haushälfte ist komplett verglast und einige Stufen tiefer und bis unters Dach offen. Oben ragt in der Mitte des Raumes, als Verlängerung eines Flures, eine Terrasse in den Luftraum. Links und rechts gibt es ein Zimmer. Der verglaste Wohnraum ist rechts mit einem langen massiven Holzesstisch und zwei einfachen Holzbänken ausgefüllt und auf der Seite ein offener Kamin. An der linken Ecke stehen lange Holzbänke, mit flachen bunten Kissen darauf, an den Fensterfronten und davor ein großer quadratischer Tisch voller Prospekte, Zeitungsartikel, Papiere mit Skizzen und Notizen. Buntstifte, ein Spitzer, die Späne und bunter Farbstaub ist auf dem Tisch verstreut. Dazwischen gibt es auch noch ein paar Nüsse und eine halb volle Schale mit Haferflocken. Wir setzen uns auf die Bank und Señor Marcos Quijano bittet seine Haushälterin uns eine Flasche Pinot Noir zu bringen. Als Señor Marcos sieht, dass Edda interessiert den Tisch betrachtet, sagt er
„Das ist der Arbeitsplatz eines Studenten der gerade bei mir arbeitet. Er ist heute in Bogota und hat wohl vergessen ein wenig aufzuräumen.“ 
„Och, ich finde es interessant“ sagt Edda, obwohl ich ihr ansehe, dass sie am liebsten damit beginnen würde Ordnung zu machen. 
Unterhalb von seinem Haus stehen entlang des Swimmingpools Masten mit den Flaggen von Deutschland, der Schweiz, Italien, Frankreich und Kolumbien. An der Stirnseite eine Chinesische Fahne. Edda fragt Señor Marcos
„Was hat die Chinesische Fahne zu bedeuten“
„Das ist auch eine ganz interessante Geschichte“
Die Haushälterin kommt mit dem Wein und und hauchdünnen Gläsern. Sie schenkt zuerst dem Dr. einen Schluck zum probieren ein. Er nimmt einen tiefen Zug mit der Nase und einen kleinen Schluck. Sein zufriedenes Gesicht reicht seiner Haushälterin, dass sie zuerst uns und dann dem Dr. einschenkt. Wir lassen die Gläser erklingen und für uns ist es, soweit ich mich erinnern kann, die erste Weinprobe die morgens um 9 Uhr beginnt. Am liebsten hätte ich meine Nase gar nicht mehr aus dem Glas genommen. Unglaublich sinnlich, ich rieche Beeren, kann mich aber nicht entscheiden ob es eher dunkle oder rote sind, er riecht auch ein wenig nach Blumen und ein Hauch rauchig. Die Farben hellrot bis ins violett gehend. Ich nehme einen kräftigen Schluck, lasse ihn im Mund kreisen und entscheide mich sofort, in Zukunft wieder öfter einen Burgund zu trinken. Auch wenn mir ein Freund, Apotheker und Weinkenner einmal sagte „Weißt du, einen Bordeaux kann jeder trinken, aber bei einem Burgund mußt Du gesund sein.“ Also so gesund fühle ich mich allemal. Als ich Señor Marcos meine Empfindungen zu dem Wein mitteile, grinst er und sagt,
„Ja, aber der braucht auch viel Pflege. Draußen und im Keller. Und sag deinem Apotheker, mich hält der Wein gesund“
„Ja, das sieht man dir an. Hast du einen guten Kellermeister?“
Er lacht verschmitzt. „Meine letzte Frau ist mein Kellermeister. Sie hat alles von mir gelernt:“
Anerkennend proste ich ihm zu und nehme nochmal einen großen Schluck. Edda, der der Wein genau so schmeckt, möchte dann aber doch wissen, was es mit der Chinesischen Fahne auf sich hat.
„Das ist eine interessante Geschichte“ beginnt Señor Marcos zu erzählen.
„Als junger Kerl, als ich beim Max-Planck-Institut meinen Doktor gemacht habe, hatte ich eine chinesische Kollegin. Sie war die erste Chinesin, die in Deutschland studiert hat. Ich war unheimlich von ihr beeindruckt, weil sie so exakt gearbeitet hat, immer alles wußte und unglaublich fleißig war. Nicht so faul wie wir.“ Wir nehmen unsere Gläser, es klingelt drei mal und jeder nimmt einen kräftigen Schluck.
„Die Chinesen haben ja das Ziel, überall die Besten zu werden.“ fährt er fort.
„Ich glaube, die schaffen es auch.“ Er macht eine eine kurze Pause, als ob er seine Aussage noch einmal überdenken müsse.  Scheint aber mit seiner Aussage zufrieden zu sein. Mir fällt dabei ein Gespräch ein, dass ich kürzlich mit einer Kubanerin geführt habe. Sie wunderte sich, dass die westliche Presse über den Obama Besuch und das Stones Konzert berichten, aber niemand darüber, dass die Chinesen seit Jahren Milliarden investieren und Kuba still und heimlich zu einer Freihandelszone ausbauen. Die Amerikaner dürfen maximal noch in Urlaub zu uns kommen.
Auf unserer Afrikareise haben wir ähnliches über die Chinesen gehört und auch gesehen.
„Nun, vor zwei Wochen habe ich von der Chinesischen Botschaft einen Brief bekommen,“ fährt Señor Marcos fort.  „Sie haben meinen Wein und meine Kenntnisse über den Weinanbau in so großer Höhe, gelobt. Ihr wisst schon, dass ihr hier auf dem höchsten Weinanbaugebiet der Welt seit. Wir sind hier auf 2600m“.
„Ja, das haben wir auf unserem Höhenmesser gesehen. Aber dass mit dem höchsten Weinberg wußten wir nicht. Wir haben nur die wunderbare Aussicht ringsum genossen.“
„Ja, es ist schön hier. Ja, und die Chinesen haben mich in dem Brief um ein Gespräch gebeten. Ich fühlet mich sehr geehrt, weil ich ja noch so eine gute Erinnerung an die fleißige Kollegin habe. Ich habe gleich auf der Botschaft angerufen und dann ist letzte Woche der Botschafter mit einer jungen Dolmetscherin gekommen. Jetzt kennst du den Grund für die Chinesische Flagge“ sagt er lachend zu Edda und nimmt sein Glas. Wir auch und wieder klingelt es dreimal. Prost. Aber er ist mit seiner Geschichte noch nicht am Ende.
„Die Unterhaltung war ein bisschen öde, obwohl die Dolmetscherin recht hübsch war. Aber ich mußte alles ihr und sie hat es dann dem Botschafter erzählt und umgekehrt. Das war anstrengend und langweilig. In einer Pause, als ich den Wein nachschenken lies, hat er ziemlich gut einen deutschen Weinspruch, der in der Vinothek an der Wand steht, laut vor gelesen. Ich war ganz überrascht und habe ihn gefragt ob er deutsch spricht. Ja sagte er, als ob das selbstverständlich ist. Er hat in der DDR studiert und hat nach dem Mauerfall, worüber er voller Bewunderung gesprochen hat, noch einige Jahre in Deutschland gearbeitet und Promoviert. Jetzt konnten wir uns richtig unterhalten. Er wusste sehr viel und hat sich sehr für unsere Arbeit interessiert. Wenn unsere Politiker da sind, saufen sie nur meinen Wein und haben von nichts eine Ahnung.“
Bei dem Stichwort Wein fällt ihm auf, das unsere Gläser leer sind.
„Wollt ihr noch einen anderen probieren“
„Ich würde lieber beim gleichen bleiben“ kommt es wie aus einem Mund. Edda hat wohl den gleichen Gefallen an dem Tropfen gefunden wie ich. Señor Marcos ordert bei seiner Haushälterin eine neue Flasche. Die Einschenkprozedur läuft ab wie bei der ersten Flasche. Nicht, dass der Verdacht aufkommt, wir würden schon morgens um neun saufen. Die Probierflaschen sind nur halbliter Flaschen.
„Du wolltest uns doch noch erzählen, woher deine Beziehung zu Deutschland kommt - wie bist Du den als Chemiker dazu gekommen Wein anzubauen“ stelle ich ihm zwei Fragen auf einmal.
„Das ist auch eine ganz interessante Geschichte. Als junger Kerl hat mich mein Vater einmal zu Freunden mit genommen. Dort gab es französischen Rotwein zu trinken. Ich habe auch ein Glas bekommen. Im Garten hat mir mein Vater eine Weinrebe gezeigt und gesagt, den Wein, den du gerade trinkst wird aus der Frucht einer solchen Pflanze gemacht. Mir ging nie mehr aus dem Kopf, warum wir französischen Wein trinken müssen, wenn bei uns auch Trauben wachsen. Als ich mit dem Abitur fertig war, wollte mich mein Vater nach Deutschland zum Studieren schicken. Ich wollte natürlich nach Paris, zum einen, weil ich in der Schule französisch gelernt habe und weil Paris eben Paris ist. Übrigens landet meine Tochter morgen in Frankfurt“ schiebt er zwischen seine Erzählung.
Macht sie in Deutschland Urlaub“ will Edda wissen.
„Nein. Ich bin zwar schon ein alter Kerl, aber ich habe noch eine 17 jährige Tochter. Sie geht nach Münster für drei Monate auf die Sprachenschule um Deutsch zu lernen. Ich wollte sie nach Lindau schicken aber da hätte sie schon 18 sein müssen. Anschließend geht sie 2 Jahre in ein Kloster Internat in Süddeutschland und macht das deutsche Abitur.“ Er wundert sich über den Preis des Internates. 1100€ im Monat findet er richtig günstig.
„Hast du dann in Paris studiert?“
Nein, nein. Mein Vater war sehr katholisch. Er sagte gut, dann geh in die Schweiz nach Genf. Da kannst du so gut studieren wie in Deutschland und dort sprechen sie französisch. Und ich dachte, wenn mein Vater mich dahin schickt, dann sagen sich da bestimmt Fuchs und Hase gute Nacht. Das war aber meine beste Zeit. Ich bin 10 Jahre dort geblieben und wollte nie mehr nach Kolumbien zurück.“
Edda fällt das Schweizer Autokennzeichen mit VD über der Haustür auf und will wissen woher das ist.
„Das ist auch eine ganz interessante Geschichte“ sagt Señor Marcos und beginnt auch gleich mit dem erzählen an, allerdings nicht bevor es drei mal geklirrt hatte.
„Das war das Kennzeichen meines letzten Autos in der Schweiz. Das habe ich nach Kolumbien mit genommen“
„Kann man ein Auto einfach nach Kolumbien einführen“ frage ich, weil solche Themen für einen Overlander immer interessant sind.
„Nein, so einfach geht das nicht. Da muß man ein schlauer Kerl sein und sehr gute Anwälte kennen. Normalerweise muss man es nach einer gewissen Zeit wieder ausführen, das weißt du ja. Aber wenn du beim Staat Schulden hast und die nicht bezahlst, dann nehmen sie dir dein Auto weg. Und ein gefangenes Auto kann man ja nicht mehr ausführen. Verstehst du?“
„Ja ich verstehe“
„Nach einer gewissen Zeit verhandelt man dann mit dem zuständigen Beamten, bezahlt seine Schulden, legt ein wenig drauf… man bekommt den richtigen Stempel und hat sein Auto ganz offiziell eingeführt.“ Diese Geschichte scheint ihn noch heute sehr zu amüsieren.
„Und wie bist du dann nach Deutschland gekommen.“ Jetzt will ich schon die ganze Geschichte wissen.
„Ich bin 10 Jahre in Genf geblieben und dann war ich 10 Jahre in Deutschland. Siehst du das Bild da von Mainz.“ und zeigt auf eine Fotografie über dem Esstisch, die Mainz bei Nacht zeigt.
„Das ist meine Stadt. Ich habe vom Max-Planck-Institut ein…. wie sagt man auf deutsch… Stipendium bekommen.„
„und wie bist du dann zum Wein gekommen“
Als Antwort macht er eine Trinkbewegung.
„In Genf und am Rhein habe ich mich immer auch mit Wein beschäftigt“ und macht wieder eine Trinkbewegung.
„Mich hat auch immer die Geschichte von meinem Vater beschäftigt und es wollte mir nicht einleuchten, warum Kolumbianer nur ausländischen Wein trinken sollen. So habe ich in Europa Weinstöcke gekauft und in Kolumbien den ersten Weingarten angelegt. Das war die Kurzfassung“
Wir hätten noch viele Fragen gehabt und er viel zu erzählen, aber draußen wartete schon ein Bus voller Studenten wo er gleich einen Vortrag halten musste.
Schade, das die Zeit so schnell verging. Ihm ging es wohl ähnlich, denn wir hatte noch beinahe nichts über den Wein gesprochen. Er lud uns ganz herzlich ein, wieder zu kommen, damit wir unser Gespräch fortsetzen können.
„Sehr gerne kommen wir wieder, nicht gleich morgen, aber wir kommen wieder. Danke für deine Gastfreundschaft und für deine Interessanten Geschichten. Du bist halt ein ganzer Kerl.“
Er lacht.
„Danke für euren Besuch. Wir sehen uns wieder.“
Mike unser Freund aus Medellin meinte es gäbe keinen kolumbianischen Wein. Ich wollte das nicht glauben und wir haben uns auf die Suche gemacht.
Heureka, in einem kleinen Weingeschäft in Villa de Leyva haben wir den ersten gefunden. Am nächsten Tag haben wir dann das dazugehörige Weingut gesucht und gefunden. Der Wein hat uns aber nicht so überzeugt. Der Rote hatte für meinen Geschmack zu viel Holz und der Weiße, den wir verkostet haben erinnert uns sehr an den Chilenischen, den wir schon seit der ganzen Reise trinken. Offensichtlich hat der Kellermeister sein Handwerk in Chile gelernt.
Dann habe ich im iOverlander ein Sternchen gefunden.  Ah, noch ein Weingut. Das Weingut Marqués de Puntalarga auf dem Berg, war nicht leicht zu finden. Erst im zweiten Anlauf haben wir die Auffahrt gefunden. Das hätten wir nicht erwartet. Ganz oben ein wunderschöner ebener mit Ziegelsteinen gepflasterter Platz, einige ochsenblutrote Gebäude mit Strohdächer, eine große Terrasse und ringsum eine grandiose Aussicht. Unser Höhenmesser zeigt 2602m. Ob wir hier wohl übernachten dürfen. Keine Menschenseele weit und breit die wir hätten fragen können. Im Moment störte und das nicht, wir genossen die Aussicht rings um den Berg. Nach einer viertel Stunde kam eine junge Frau aus einem der Gebäude und begrüßte uns herzlich. Nachdem wir die üblichen Freundlichkeiten ausgetauscht hatten, fragte Edda, ob wir hier übernachten dürfen. Da müsse sie erst telefonieren und verschwand in einem anderen Gebäude. Nach einigen Minuten kam sie wieder zurück, sagte selbstverständlich dürften wir hier übernachten und zeigt uns einen Platz neben der Vinotheke. Dann lädt sie uns dazu ein einige Weine zu probieren. Schlußendlich entscheiden wir uns zum Sonnenuntergang auf der Terrasse eine Flasche von dem Riesling-Silvaner zu trinken. Im Glas leuchtet er in der Abendsonne goldgelb. Duftet blumig, mit einer leichten Muskatnote. Im Gaumen ist er fruchtig und saftig. Edda sagt sofort, der erinnert mich an den Bodensee. wir haben schon lange keinen so guten Wein mehr getrunken. Trotzdem trinken wir keine zweite Flasche mehr, was allerdings nicht am Wein, sondern eher am Preis lag. 100.000 Peso (30€) die Flasche ist auch ein stolzer Preis. Zu den Spaghetti frutti di mare, die ich später gekocht habe, haben wir wieder einen Chilenen getrunken, was ich heute beinahe bereue.

Hier noch ein Panoramafoto vom Marqués de Puntalarga

Wer sich noch mehr für das Weingut, dessen überaus interessante Geschichte und Dr. Marcos Quijano interessiert, hier die Homepage. Interessant finde ich, wieviel Wissenschaftler man braucht um einen guten Wein zu machen.





Mittwoch, 6. April 2016

Donnerstag Nachmittag auf der Plaza Libertad in Mompos


Fernando sitzt auf auf seinem Schuhputzkasten und schlürft sinnierend seinen Tinto (süsser schwarzer Kaffee) aus einem braunen Plastikbecher, wie ihn Rosa nebenan aus einer Thermoskanne verkauft. „Hast Du Zeit, oder willst Du weiter träumen.“ fragt in Rodriges, der gerade über den Platz gelaufen kam und jetzt schräg hinter ihm steht. Fernando erkennt Rodriges an der Stimme und antwortet ohne sich umzudrehen.„Hast Du schmutzige Schuhe“
„Sonst wäre ich ja wohl kaum hier“
Fernando dreht sich langsam um und blickt zuerst auf die Schuhe.
„Die haben´s nötig“
„Ich war drüben auf der anderen Flußseite und habe meinen Neffen besucht. Du kennst ihn doch, der mit seiner behinderten Tochter“
„Ja natürlich, wie geht es ihm und seiner Familie“
„Ganz gut, er arbeitet jetzt im Fluß und schöpft Sand. Er verdient ganz gut dabei, jetzt wo so viel renoviert wird in der Stadt“
„Ja, überall wird gebaut. Komm setz Dich“
Fernando zeigt auf die freie Ecke seiner Bank. Wir sitzen im Schatten eines gelbblühenden Baumes auf einer Parkbank neben der Parkbank von Fernando, die er für seinen Arbeitsplatz in Beschlag genommen hat.  Unsere Parkbank ist der Arbeitsplatz von Schuhputzer Guillemero, der hat aber im Moment nichts zu tun und spielt mit seinem Smartphone. Er hat auch nichts dagegen, dass wir „sein Wartezimmer“ belegen.
„Stell Dein Fuß auf den Kasten, - Oh echte Lederschnürstiefel von Bramha. Die besten kolumbianischen Schuhe, bestes Leder und die Sohlen handvernäht“
„Ja, das sind meine besten Schuhe, die habe ich schon 4 Jahre“
„Wenn ich mit denen fertig bin, sind sie wieder wie neu“ sagt Fernando und befreit die Schuhe mit einer harten Bürste vom angetrockneten Flußschlamm. Zuerst den Rechten dann den Linken.
Im Gegensatz zu Guillemero, der selbst tadellos geputzte schwarze Halbschuhe trägt, stecken Fernando´s breite Quadratlatschen in blauen Gummilatschen. Bei der Höllenhitze hier, 36 Grad aber gefühlt deutlich über 40 Grad, können wir Fernando verstehen, auch wenn seine Käsemauken mit der dicken Hornhaut voller Risse und gespaltenen Zehennägeln kein schöner Anblick sind. Während ich Fernando beobachte wie er gekonnt die braune Schuhwichse mit seinen Fingern aufträgt und die aufkommende frische Brise geniesse, stupft mich Edda und zeigt auf die große Holztafel, die voll hängt mit bunten Smartphone Cases, und vom Wind nach vorne zu kippen droht. Im letzten Moment, blickt der junge Mann mit seinen bunten Haaren von seinem Smartphone auf und mit einer blitzschnellen Handbewegung verhindert er die Katastrophe. Er hat eine Parkbank uns gegenüber am anderen Rand der Plaza für seinen Verkaufsstand einverleibt. Auf einem kleinen Tisch vor seiner Parkbank repariert er Smartphone´s und verkauft Telefonkarten von Claro und eben die besagten bunten Cases. Fernando ist nicht nur Schuhputzer, er repariert auch Schuhe. Seine Parkbank, quasi seine Werkstatt und sein Behandlungsraum ist bedeckt mit Schuhen, die darauf warten wieder zum Laufen gebracht zu werden. Aus einem großen Plastiksack vor der Bank schauen ebenfalls Schuhe heraus. Auf dem Boden liegen diverse Werkzeuge und Reperaturmaterialien wie Feile, Stichel, Messer, Hammer, Zange, Kleber, Fadenrollen, Farbfläschen und weiteren Plastiktüten mit undefiniertem Inhalt verstreut. Edda besorgt uns an dem bunten Jugo-Stand der Ecke links von uns einen frischen Früchteshake. Ich möchte Papaya, Edda entscheidet sich für Orangen. Die Papayastücke kommen in ein Mixglas, dazu eine ganze Menge Eiswürfel, ein wenig Zucker und der Mixer macht daraus einen leckeren schaumigen Shake. Eddas Orangensaft wird frisch gepresst. Sie verzichtet auf das Eis, weil sie dem Wasser für´s Eis nicht traut. Während Edda am Jugo-Stand wartet und die Polierbürste von Fernando die Schuhe von Rodriges mit einem Affenzahn umkreist, erscheint eine hübsche Frau bei Fernando´s Schuhpraxis und zieht einen Schuh mit abgebrochenem Stöckel aus einer Plastikeinkaufstasche.
„Ola Fernando“
Fernando blickt auf während seine Hände immer noch die Bürste um den Schuh von Rodriges gleiten lässt. Er kennt die Chica anscheinend sehr gut, denn strahlend sagt er
„Ola Manuela, na, hast du wieder zu wild getanzt“
Hätte Manuela keinen so dunklen Teint, hätte man vielleicht die erröteten Wangen gesehen.
„Das kommt nur, weil die Männer nicht tanzen können“ gibt sie zurück.
Beide lachen und Fernando sagt.
„Zeig mal her“
Er betrachtet den Schuh eine zeitlang und sagt
„Hast Du noch etwas zu erledigen? Ich putz nur noch die Schuhe von Rodriges fertig, dann mach ich deinen Schuh“
„Gut, dann komme ich in einer halben Stunde wieder“
Offensichtlich besitzt Manuela noch kein eigenes Handy, denn sie geht zum Handyverleiher gleich neben an, der sein Stand, ein kleiner Tisch auf dem mehrere Mobilephons liegen, gekennzeichnet mit einem roten Schild auf dem steht -100 Todos- und das bedeutet man kann für 100 Peso (3 Cent) 1 Minute telefonieren. Manuela nimmt sich vom Tisch ein Handy und setzt sich auf eine freie Parkbank. Fernando trägt inzwischen die zweite Fettschicht auf, während unter seiner Bank ein großer Leguan nach Futter sucht. Keiner ausser uns scheint sich für das Tier zu interessieren. Inzwischen hat auch Guillemero wieder Kundschaft bekommen. Einer der Motorradtaxifahrer, die zu dutzend neben der Plaza auf Kundschaft warten, lässt sich seine Schuhe putzen. Einfach für 1000 Peso. Er trägt die typische Kleidung der kolumbianischen Männer. Jeans, weites Hemd, über der Schulter hängt lässig ein heller Schal der als Schweißtuch dient, dazu den typischen kolumbianischen Strohhut, breite Krempe, hell-dunkel gestreift und die Wayuuu Mochila (gehäkelte Beutelatsche) hängt lässig seitlich an der Hüfte, das Trageband schräg über die Brust auf der Schulter.
Fernando hat inzwischen die zweite Fettschicht aufgetragen und die Polierbürste umkreist den Schuh als wieder ein hübsches Mädchen mit einem Paar neuen Schuhen auftaucht. Sie hat die Schuhe zu klein gekauft und Fernando verspricht ihr, sie bis morgen zu weiten und legt sie zu den anderen auf die Bank, bevor er sich wieder der Polierbürste zuwendet, aber nicht ohne sich vorher nach dem Befinden der Familie zu erkunden.
Kolumbien im allgemeinen ist ja berühmt für seine schönen Frauen. Auch hier rund um die Plaza ist das deutlich zu sehen, aber die Frauen sind nicht nur wohlgeformt, hübsch und schön anzuschauen, man hat auch das Gefühl sie versprühen mehr Hormone als die Wunderkerzen Funken bei uns am Weihnachtsbaum.
Hinter uns auf der Parkmauer hat eine junge Frau ihr Büro eröffnet. Ihr Handwerkzeug besteht aus einem Telefon, einem Taschenrechner, einem Buch voller Tabellen und einem Notizblock. Alles zusammen befindet sich auf einem Brett, dass auf ihren Knien liegt und ihr als Schreibtisch dient. Über fehlende Kundschaft kann sie sich nicht beklagen. Manchmal stehen sie sogar Schlange. Die Kunden kommen mit irgendwelchen Belegen und sie rechnet ihnen etwas aus. Ein paar Meter weiter oben hat ein Grafiker sein Büro aufgebaut. Da steht ein moderner Laptop auf einem kleinen Tischchen und daneben ein Großformatdrucker. In einem Eimer stehen bunte Rollen mit Klebefolien, aus denen er Werbeschriften auf Autos etc. schneidet. Gegenüber auf der anderen Strassenseite gibt es eine Mopedwerkstatt die den Gehsteig und die halbe Strasse in die Werkstatt mit einbezieht. Guillemero ist mit den Schuhen des Motorradtaxifahrers fertig. Ein Tausender (30 Cent) wechseln den Besitzer und er entparkt sein Motorrad, richtet seine grüne Satteldecke auf dem Sitz aus, wirft seinen Schal lässig um den Hals, kickt seine Maschine an und braust davon.
Fernando trägt jetzt die dritte Schicht Fett auf, er hat Rodriges ja quasi neue Schuhe versprochen und zudem wird seine Arbeit ständig von Kunden unterbrochen, die ihre Schuhe zur Reparatur bringen. Inzwischen türmen sich die Schuhe auf der Bank. Und natürlich muss sich Fernando bei all seinen Kunden nach dem Wohlergehen der Familie erkunden, oder es gibt andere Neuigkeiten, die es Wert sind erzählt und gehört zu werden. Da Rodriges offensichtlich Zeit hat und auch ihn die Geschichten interessieren, beschwert er sich nicht, dass sich seine Schuhe nur langsam erneuern.  Rodriges sieht man, wie den meisten Leuten hier seine afrikanischen Vorfahren an. Auch er trägt eine gehäkelte Umhängetasche, der Schal hängt lässig über der rechten Schulter und der Strohhut schützt ihn vor der Sonne. Ich besorge uns an dem Stand am anderen Ende der Plaza zwei leckere Fruchtkuchen und Edda holt bei Rosa zwei Tinto. Einer con und den anderen sin Acugar.
„So, jetzt kannst du tanzen gehen, oder wieder im Schlamm herum laufen.“
„Das würde dir so passen, du Halsabschneider“ beide lachen und 3000Peso wechseln den Besitzer. Stolz trabt Rodriges von dannen. Fernando gönnt sich einen weiteren Tinto, der ihm die kleine Nerys, die auf den Schmuckstand ihrer Mutter aufpasst, von Rosa gebracht hat. Da keine neuen Schuhe zu putzen sind macht er sich an die Reparaturarbeiten. In aller Ruhe schaut er sich die Fossilien an, gelegentlich nimmt er seine Zange und reist damit die Sohle runter. Auf einmal fällt ihm der abgebrochene Stöckel von Manuela ein. Er kramt ihn von unten hervor. Während er ihn betrachtet, kratzt er sich am Kopf und lächelt. Manuela steht plötzlich neben ihm und reisst ihn aus seinem Traum. Mit einem Schmollmund sagt sie „Du hast mein Schuh ja noch gar nicht gemacht“ Ein wenig verlegen zeigt er auf die vielen Schuhe auf seiner Bank.
„Hast du nicht noch was zu tun“
Immer noch mit einem Schmollmund
„Nein“
Sie schiebt die Schuhe zur Seite und setzt sich auf seine Bank. Aller Groll ist verflogen und sie beobachtet plappernd wie er ihren Schuh mit Feile, Kleber und Hammer bearbeitet.
Für uns wird es Zeit zu gehen, „unsere Kinder“ warten sicher schon auf uns. Ein interessanter  und entspannter Nachmittag. Eine Parkbank ist halt aufschlußreicher als ein Museumsbesuch.
Auf dem Heimweg grüßt uns eine alte Frau die unter ihrer Eingangstüre steht., als wir zurück grüßen, lädt sie uns ein, ihr Haus zu besichtigen und erzählt uns ihre Geschichte. Leider haben wir nicht alles verstanden, schade, den mit ihren 98 Jahren, die sie in Mompos verbrachte, hat sie sicher einiges erlebt. Mompos ist übrigens Weltkulturerbe und im Internet gibt es viel darüber zu lesen.
Als wir „nach Hause kommen“, wir campieren im Garten eines Fortbildungs- und Sportzentrums, warten unsere Kids,  Valentina und Hector schon auf uns. Sie fragen nicht, aber als ich Valentina einen Geldschein in die Hand drücke, spurtet sie sofort los. Kurz bevor sie das Tor erreicht, stoppt sie, dreht sich um und fragt „ Edda quiere también uno“  (will Edda auch eins). Edda schüttelt den Kopf und schon ist sie um die Ecke verschwunden. Es dauert keine 2 Minuten bis sie mit drei Eis und dem Wechselgeld wieder da ist.
Gemeinsam schlotzen wir das Eis und lernen von den Kleinen spanisch.

Mompos, Weltkulturerbe