Mittwoch, 1. Juni 2016

Vom Erdbeben aus den Schienen geworfen

Ein Rumps, einige Aufschreie, blasse erschrockene Gesichter und wir stehen mit unserem Schienenfahrzeug neben den Gleisen. Erst später erfahren wir, dass uns wahrscheinlich ein Erdbeben aus den Schienen geworfen hat, obwohl das Schienennetz durchaus auch die Ursache hätte sein können. Wir, das ist eine kleine Gruppe unerschrockener Overlander, die sich trauten, Hans, von der Finca Sommerwind, auf eine seiner berüchtigten Touren zu begleiten.

Am Abend vor unserem Aufbruch, erklärt uns Hans bei einigen Bieren den groben Ablauf der Tour. Details hat er wohl bewußt ausgelassen. Edda wollte noch wissen, was wir alles mitnehmen sollen. Badehosen, Sonnencreme, Schlappen und Mückenmittel war seine Antwort. „Ach ja“ sagt er verschmitzt „dann braucht ihr noch eine lange Hose, ein Hemd das man am Kragen zu knöpfen kann, feste Schuhe und einen Hut.“
„Wozu brauchen wir das“ fragt Karin. Die Antwort hätte uns schon stutzig machen sollen.
„Wenn wir durch den Dschungel gehen und uns den Weg mit einer Machete frei schlagen müssen, kann es schon mal vor kommen, dass kleine Tierchen runter fallen. Und da ist es ganz gut, wenn man sein Haupt bedeckt hat und der Kragen zu ist.“
Vermutlich ist es den Bieren zuzuschreiben, dass wir uns anstatt zu erschrecken schon wie Indiana Jones fühlten. Karin fand es cool und selbst bei Edda kam Vorfreude auf, obwohl sie anfangs nicht mitkommen wollte, weil ihr eine neuerliche Bootsfahrt in die Mangroven zu langweilig erschien. Aber sie hatte absolutes Vertrauen zu Hans. Horst fummelte an seinem Pferdeschwanz herum, ich denke er überlegte sich, wie er ihn unter dem Hut verstauen kann, damit sich keines der kleinen Tierchen darin verfangen kann. Karin und Horst kommen aus den Allgäu und bauen, wenn sie nicht selbst auf Reisen sind, Expeditionsfahrzeuge. Mit einem aus seiner Werkstatt sind sie seit 9 Monaten in Südamerika selbst unterwegs.
Mit unserem Gepäck sitzen wir am nächsten Tag im Schatten auf der Terrasse der Finca Sommerwind und warten auf Hans.
„Um 12 Uhr fahren wir los“ hat er gestern Abend gesagt, aber wir haben schon halb zwei und von Hans keine Spur. Um 2 fragen wir Patricia, seine Frau, wo Hans bleibt. Der müßte gleich kommen sagt sie, er war noch in Quito um Mathias und Caroline abzuholen, die bei der Tour dabei sind. Mathias und Caroline sind aus Nürnberg und besuchen ihren Bruder in Quito.
Kurz nach 2 stürmen die fünf Hunde von Sommerwind zum Tor, weil sie den Chevy Pickup von Hans gehört haben. Nach einer kurzen Begrüßung der „Neuen“ verstauen wir unser Gepäck auf der Pritsche, Horst und Karin setzen sich dazu und schon sind wir unterwegs an die Küste. Unterwegs werden wir von Militärs angehalten, die unsere Pässe kontrollieren und uns ermahnen nicht nachts zu fahren.
In Las Peñas empfängt uns Mama Maria mit einer fantastischen Meeresfrüchte- und Fischplatte. Die schwarzen Muscheln aus dem Schlamm der Mangroven schmecken göttlich.
Am nächsten Morgen hat uns Hans mit einer mächtigen Arschbombe in den Hotelpool schon um 7 Uhr aus den Federn geholt. Schließlich sind wir ja nicht zum faulenzen hier. Erlebnis und Abenteuer steht auf dem Programm. Die Gegend ist zu 95% von Schwarzen bevölkert, Nachkommen der Sklaven. In Borbon, wo wir den Pickup gegen ein langes schmales Boot eintauschten, könnten wir uns auch in einer afrikanischen Stadt  befinden.
Edda und ich setzten uns wegen der Aussicht vorne ins Boot, hatten allerdings nicht bedacht, dass wir dort ganz besonders der Gischt ausgesetzt sind. Aber bei unseren Landgängen wurden wir schnell wieder trocken.
Obwohl wir schon öfter in Mangroven unterwegs waren, waren wir fasziniert von den hohen Mangroven, die die höchsten der Welt sind, wie uns Hans erklärt. Wir sind nur wenige Kilometer von Kolumbien entfernt und auf einer von Drogenschmugglern benutzen Route. Ob die uns entgegen kommenden Boote Drogen an Bord hatten, wissen wir natürlich nicht. Wir genießen das lautlose dahin gleiten.
Auf der Insel La Tolita kommen wir uns vor wie Archäologen. Schon beim betreten der Insel tappen wir in zweitausend Jahre alter Scherben. Wenn wir ein wenig graben kommt allerlei zum Vorschein, Figuren, Küchenraspeln, Gefäße und und und… Wir können es kaum glauben. Emilio der „Museumsdirektor“ sammelt schon seit Jahrzehnten die schönsten Stücke und lagert sie in seinem „Museum“ (Bretterbude). Die großen Museen von Quito sind anscheinend voll und haben kein Interesse.
Wir stoppen an einer Produktionsstätte, wo sie aus Zuckerrohr, Kokosnuss und Erdnüssen das Rohprodukt für Pralinen herstellen. Nebenan gib es eine kleine Köhlerei wo sie die Holzkohle, die sie zum eindicken des Zuckerrohrsaftes benötigen, selbst herstellen. Ich überlasse mein Foto und das iPhone ein paar kleinen Mädchen, die dann wie wild fotografieren und ihren Spass haben. Ein wenig traurig waren sie allerdings, weil sie es zurück geben mussten als wir weiter fuhren.
Bevor wir wieder zurück nach Borbon fuhren stoppten wir noch bei einer Familie die von einer kleinen Kokosnuss Plantage lebt. Die Kinder hatten gerade ein junges Faultier gefangen und haben einen riesen Spass uns zu zeigen wie Faultiere in den Bäumen hängen. Fünf oder sechs kletterten in einen Baum und hingen immer wieder in anderen Posen wie Faultiere in den Ästen. Ein älterer Junge schnappte sich eine Machete und rannte förmlich auf eine Palme und kurze Zeit später regnete es Kokosnüsse, die wir genüsslich tranken nachdem sie der ältere Bruder gekonnt mit einer Machete geöffnet hatte. Mama lehnte bauchfrei, weil das etwas zu kleine T-Shirt nicht mehr über ihren Bauch reichte, an einer Palme und war zufrieden mit ihren Jungs.
Den Abend haben wir wieder bei Mama Maria, die uns noch einmal mit Fisch und Meeresfrüchten verwöhnte verbracht und anschließend gegenüber in einer kleinen Bar mit einigen Caipirinha ausklingen lassen.
Um drei Uhr Morgens wurden wir alle, d.h. alle ausser mir, aus den Betten gerissen. Der Pool schwappt über und unser Hotel wackelt 44 Sekunden lang. Alle ausser mir sind draußen im Hotelhof. Edda lässt mich schlafen weil ich immer grantig bin wenn man mich nachts grundlos weckt. Ein Erdbeben der Stärke 6,8 wäre natürlich ein Grenzfall gewesen. Aber was soll’s, ich habe es verschlafen und kenne die Details nur von den Erzählungen der Anderen. Horst sagt zu Karin, nachdem das Beben vorbei war.
„Jetzt mußt du auf die Brandung hören. Wenn Du sie nicht mehr hörst, dann fliest das Wasser zurück und kommt dann als Tsunami wieder. Dann wird es Zeit schleunigst abzuhauen.“ Eine halbe Stunde horchen sie und als die Brandung nicht nachließ sind auch sie wieder beruhigt zu Bett gegangen.
Trotz der nächtlichen Ruhestörung weckt uns Hans wieder um 7 Uhr mit seiner mächtigen Arschbombe in den Pool.
„Heute gehen wir baden“ sagt Hans beim Frühstück.
„Warum sollten wir dann heute unsere Bergschuhe und lange Hosen anziehen“ will Caroline wissen.
„Das werdet ihr dann schon sehen“ mehr will Hans nicht verraten.
Auf dem Weg zum Badeplatz stoppen wir noch bei einer Kakao Produktionsstätte wo die Kakao-Bohnen für den Export fermentiert und getrocknet werden, damit sie dann in den Bestimmungsländern zu Schokolade weiter verarbeitet werden kann.
In einer Kakaoplantage haben wir das Fruchtfleisch der Kakaofrucht gekostet. Lecker, süß, weiß aber es schmeckt nicht nach Schokolade. Von der Frucht bis zur Schokolade ist es ein weiter Weg.
„Wir müssen zum Bahnhof, sonst verpassen wir den Zug“ mahnt uns Hans zur Eile und treibt uns aus der Kakaoplantage in und auf seinen Pickup, bei dem er die Stosstange mit Draht im Kreuzstich angenäht hat.
Als wir eine halbe Stunde später am Bahnhof von Alto Tambo ankommen, trauen wir unseren Augen nicht.  Der sogenannte Bahnhof ist eine matschige Fläche in dem nicht nur wir, sondern auch die Schienen versinken. In dem Dreck stehen einige Fahrzeuge, die selbstgebauten, verrosteten Mondfahrzeugen ähneln. Eines dieser Vehikel hieven ein paar junge Männer mit Balken auf die Schienen und Hans bittet uns hinten auf einer Bank, aus zusammen genagelten Dielen, Platz zu nehmen. Karin traut sich als erste und die Anderen folgen ihr zögerlich, nur Edda bleibt ein wenig abseits und ist unentschlossen, ob sie aufsteigen soll. Dann siegt aber doch der Gruppenzwang und auch Edda sucht sich ihren Platz auf der Diele. Ich setze mich vorne zum Lockführer. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt dachte ich mir. Wenn man aber die Gefahr permanent im Auge hat, quasi nur Zuschauer ist, ohne selbst eingreifen zu können, dann hilft das nicht wirklich. Als wir alle sitzen kommt der Pilot. Nachdem er neben mir Platz genommen hat richtet er zuerst den Rückspiegel ein.  Ich habe eher vermutet, dass die Gefahr von vorne kommt. Sein Fahrstand besteht aus einem Schalthebel, einer Kupplung und einem Gashebel. Dass ein Lenkrad fehlt hat mich nicht sonderlich beunruhigt, obwohl, was ich bis jetzt vom Schienenverlauf gesehen habe, es kein Fehler gewesen wäre eines zu haben. Beunruhigender fand ich schon, dass ich kein Bremspedal gesehen habe. Auch eine Handbremse war nicht zu entdecken. Im Grunde bleibt einem nur die Wahl, sich seinem Schicksal zu ergeben oder wieder auszusteigen. Wir haben uns fürs erstere entschieden. Als unser Pilot den Schlüssel drehte und der Motor ruhig bleibt, glaubte ich, das Schicksal meint es gut mit uns. Gehen wir halt nicht zum baden. Eigentlich wollte sowieso nur Hans zum baden. Ich hatte mich zu früh gefreut. Unser Pilot malätriert die Kontakte der Batterie mit einem Stein, drehte den Zündschlüssel nochmal und der Motor brüllte auf. Erster Gang rein und wir hoppeln los. Wir rasen mit 20-30 Stundenkilometern über die Schienen, aber der Lärm und das Geholper fühlt sich an wie 100 km/h. Die Schienenstränge sehen aus wie eine sich schlängelnde Riesenschlange. Die Spurbreite variiert um 20-30 cm. Jetzt begreife ich auch die breiten einseitig abgeschnittenen LKW-Felgen die als Räder dienen. Die Bohlen sind gnadenlos verfault und der Untergrund ist im Morast versunken. Unser Pilot kennt die Strecke gut. Immer wieder verlangsamt er die Geschwindigkeit wenn der Untergrund zu weich wird, oder wir durch einen sumpfigen Tunnel fahren. Machmal drehen die Räder durch, dann muss der Copilot Sand unter die Räder streuen den er in einem Eimer mitführt. Der Copilot fährt hinten mit, weil ich ihm seinen Platz streitig gemacht habe.  Ich habe schon beinahe begonnen die Fahrt zu genießen, auch weil unser Pilot lässig mit seinem Smartphone spielte und dabei trotzdem jede Unwägbarkeit registrierte. Das beruhigt doch irgendwie, bis es einen Rumps machte und wir aus den Schienen geworfen wurden. Der Sumpf stoppte uns schlagartig und die Räder versanken im Morast. Ich glaube unser Pilot war auch überrascht. Er hat auf jeden Fall von seinem Handy aufgeschaut. Ob wir wollten oder nicht, auch wir mußten raus in den Morast. Gott sei Dank haben wir Hans geglaubt, dass wir für unseren Badeausflug feste Schuhe brauchen und haben unsere wasserdichten Bergschuhe angezogen. Pilot und Copilot hieven das Gefährt mit dicken Stangen wieder auf die Schienen und man sieht ihnen an, dass sie das nicht zum ersten mal machen. Der Rest der Fahrt verläuft ohne größere Vorkommnisse bis wir ankommen. Was heißt ankommen, wir stoppen einfach mitten im Busch und Hans sagt „aussteigen, wir sind da.“
Ungläubig sehen wir uns um. Nichts als undurchdringliches Grün. Hans steht daneben und beobachtet uns vergnüglich, als wir so ratlos im Grün stehen.
„Da gehts lang zu unserem Swimmingpool“ sagt Hans und zeigt auf eine grüne Wand. Keiner von uns bewegt sich. Erst als unser Pilot und Copilot anfangen mit langen Macheten einen Weg zu bahnen kehrt das Gefühl von Indiana Jones zurück. Es geht nur sehr langsam voran, uns stört das nicht, wir bewundern unsere Vordermänner, wie geschickt sie mit ihren Macheten umgehen und das Adrenalin im Blut macht uns hellwach und euphorisch. Auch der matschige, sumpfige Boden stört uns nicht. Wir haben auf das Anraten von Hans alle feste Schuhe an. Manchmal geht es steil bergauf, dann wieder entlang an rutschigen Steilhängen. Irgendwann hören wir den Wasserfall, und bald darauf sehen wir ihn, wie er in zwei Stufen aus 50-60 Metern tosend in ein Becken -unser Swimmingpool - stürzt. Wir klettern hinunter, aber bis auf Hans hat keiner Lust die letzten 5 Meter bis zum Wasser die klitschigen Felsen hinunter zu klettern. Nur Mathias bekommt noch Lust, Hans zu folgen. Der Rückmarsch ist dann deutlich einfacher und auf unserem Schienenfahrzeug, das aussieht wie eines der Karren aus dem Film „The Day After“ ist die Stimmung sogar ausgelassen. Unbeschadet und und ohne weiteres Erdbeben erreichen wir unseren Sumpfbahnhof, der uns gar nicht mehr so fremd vorkommt.
Wenn ihr auf der Finca Sommerwind seid, dann überredet Hans unbedingt, mit Euch eine Tour zu machen. Er kennt hier jede Ecke und die Leute kennen Hans, der immer und überall willkommen ist. Wenn ihr wollt, geht er mit Euch auch in den Amazonas und mit Indios auf Affenjagd. Allerdings müsst ihr dann auch das Affengulasch essen.

Das Video dazu: https://youtu.be/KL6dy83ELw4

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